Samstag, 26. september 2009 6 26 /09 /2009 20:02

An der Westküste Irlands, inmitten der Region, wo Gälisch gesprochen und die englische Mundart nicht mehr allzu gern gehört, geschweige denn gesprochen wird, ragt An Daingean, die  Dingle Halbinsel, als westlichster Vorposten mit drohenden Gebirgszügen dunkel und mysteriös ca. 50 km weit in den Atlantik hinein.
Der reisende Golfer erreicht diese landschaftlich tatsächlich umwerfende Halbinsel über das Städtchen Tralee im County Kerry. Aber Achtung, schon in Tralee sind die Richtungsweiser zur Halbinsel als
»An Daingean«, also in gälischer Sprache, gekennzeichnet; die englische Version »Dingle« ist demonstrativ durchgestrichen. 

Auf dieser geschichtsträchtigen Halbinsel liegen zwei Golfplätze, beides sogenannte linkscourses, also Plätze, die direkt am Meer in die Dünenlandschaft eingearbeitet wurden:
Im westlichsten Teil befindet sich der berühmte Dingle GC; 18 Loch auf 6666 yards Länge. 20 km weiter östlich wartet dann mit dem Castlegregory GC ein absolutes 9-Loch-Dünen-Highlight auf den reisenden Golfer. Für ein faires Greenfee von 65 Euro (Dingle) und 20 Euro (Castlegregory) erhält man als Gegenwert feinste Küstenplatz-Cuisine: Sturmböen, Starkregenschauer, kniehohes Rough, Potbunker wie Meteoritenkrater und schließlich einen durch den Platz mäandernden, clever integrierten, kaum zu erahnenden  Bach, den die Einheimischen, sofern sie bereit sind, Englisch zu sprechen, »burn« nennen (so in Dingle). Mir ist es so vorgekommen, dass in diesem verdammten burn mehrere Magneten darin zu wetteifern schienen, möglichst viele meiner Bälle einzufangen.

(Blick über den Dingle-linkscourse mit burn;
cf. www.dinglelinks.com)


Das ist die eine Seite.

Zum anderen bin ich allerdings der Meinung, Linksgolf ist der ultimative Tester für die arme kontinentale Golferseele, die immer schön brav auf Parkland-Plätzen herumfuhrwerkt, sich über den -natürlich- völlig unnötigen kleinen Regenschauer, das völlig unnötige wehende Lüftchen und den völlig unnötigen Ballverlust beschwert. 

Gesetzt den Fall, dieser bemitleidenswerte Spieler erhält nun eines Tages die Chance seines Golferlebens und steht auf einem echten Linkscourse.

Was wird ihn an einem durchschnittlichen Tag erwarten?

Vorab sollte über ein wichtiges Detail völlige Klarheit bestehen: Die Wetter können binnen Minuten wechseln; mit Orkanböen und plötzlich hereinbrechendem Starkregen muß also immer gerechnet werden. Ok, was wird geschehen??

1. Mit großer Wahrscheinlichkeit knallt unserem armen kontinentalen Golfer schon am ersten tee heulender Sturm ins Gesicht und bläst ihn fast um. 

2. Dann wird unser Golfer beim tee-off möglicherweise das Gleichgewicht verlieren. 

3. Binnen kurzem wird er seinen Schirm verfluchen, weil dieser sich sogleich aus dem blöden Schirmhalter seines ungelenken Trolleys knatternd in die Höhe und Richtung Meer verabschiedet. 

4. Er wird auch seinen Driver verfluchen. Denn die engen Fairways und Orkanböen verabschieden reihenweise die zu hoch fliegenden Bälle ins tiefe Dünengras.
5. Spätestens nach 9 Löchern kann es vorkommen, dass unser kontinentaler Golfer gedemütigt ins Clubhaus schleicht, wo ihn der Clubpro nur kommentarlos angrinst, als unser Spieler kleinlaut neue Bälle zu kaufen begehrt.

6. Im Übrigen wird er das Platzshaping verfluchen. Das Fairway ist, bedingt durch frontale Dünenrücken, die überspielt werden müssen, häufig garnicht zu sehen. Am Ende einer Katastrophenrunde wird unser kontinentaler Parkland-Golfer also dahinterkommen, dass manchmal ein gutes Eisen 8 bei orkanartigem Rückenwind an einem schwer einsehbarem Par-5 tatsächlich keine blödsinnige Wahl sein muß. Dann ist es aber meist eh zu spät. 

7. Hin und wieder wird er entgeistert realisieren, dass der Driver sooo unnütz nun auch wieder nicht ist: Er kann helfen, bei frontalem Sturm das Grün eines 160 yards Par-3 anzugreifen. Das könnte mit etwas Glück und Gleichgewicht-Halten funktionieren. Ich habe es allerdings an Loch 5 in Castlegregory nicht geschafft und musste im kniehohen Dünengras eine Lektion in Demut erleiden.

8. Ach ja, und der extra mitgebrachte Schiebetrolley, den sich so viele "auswärtige" Spieler (immer noch) antun? (14 Schläger mitzunehmen gilt den meisten schließlich als heiligste Pflicht, oder...?!) Völlig unnütz. Der macht sich andauernd selbständig, nervt die Mitspieler, fällt um oder rollt in irgendwelche Potbunker, die z. T. nur über eine Leiter begehbar sind. Antoine, mein Mitspieler aus La France, geriet in Dingle darob in solche Wut, dass er nach den ersten neun Löchern den ganzen Trolleykram und etliche Schläger in sein Auto bugsierte und dann mit einer Handvoll Eisen auf einmal viel besseres Golf spielte.

(tee-box 11th. hole; www.dinglelinks.com)

Was ich mit all dem sagen will: 
Linksgolf erfordert, so glaube ich,  nach meinen bescheidenen Erfahrungswerten ein völlig anderes, ein gleichsam »reduziertes« Spielkonzept. Entfernungen, die man normalerweise mit seinen Schlägern verknüpft hat, werden irrelevant, weil der unbarmherzige Wind alle Maßstäbe buchstäblich durcheinanderwirbelt. Das sorgt für gehörige Irritationen in der Einschätzung von Längen.

Schläger (und ich spreche auch von langen Eisen), die heute zu Tage gemeinhin kaum noch im Fokus des normalen Parkland-Spielgeschehens stehen, weil es der Werbung leider! gelungen ist, sie den Golfern nach und nach madig zu machen, rücken nun ins Zentrum der Rundenstrategie.
Keine Frage, es ist ein Genuß, auf dem sandigen Untergrund eines Links mit Eisen zu spielen. Die Bälle lassen sich crisp treffen und der roll auf den Grüns ist spurtreu, auch beim unvermeidlichen Regen. Denn die natürlichen Drainage-Eigenschaften und der allgegenwärtige Wind sorgen auch für Fairways und Grüns mit grip.

Kein Vergleich mit unseren Plätzen.


Ja, und die Spieltaktik?

An Loch 12 des Dingle-Links ließen wir einen vierschrötigen alten Herrn durchspielen, der nur drei Eisen und Putter in einem Plastikbag aus den Sechzigern mitschleppte. »It's all about position, lads« war sein einziger Kommentar auf unsere Frage nach Spieltaktik bei Sturm und Starkregenschauer.

 

Ich komme zum Schluß. Arrangiert sich der kontinentale Golfer also mit den unvermeidlichen Gegebenheiten des Linksgolf, dann erwartet ihn ein wohl einmaliges Golf- und Naturerlebnis. Der Blick auf die im Hintergrund stets präsenten grün-kahlen Höhenzüge der Dingle-Halbinsel sind mindestens ebenso atemberaubend wie die Allgegenwart der brausenden Küste. Besonders Abschlag 6 in Castlegregory ist durch seine Lage auf einem Dünenkamm beeindruckend. Tief unterhalb der tee-box donnern die Wellen, es fliegen die Wolken, man selbst kämpft mit ruhigem Stand und rätselt, in welcher Richtung hinter den frontalen Dünen denn die enge Fairwaybahn verlaufen mag.


Es ist wohl besser, zum gewohnten score durchschnittlich jeweils 1-2 Schläge pro Loch mehr einzuplanen... vielleicht sogar noch etwas mehr.



(c) Fred Böhle-Holzapfel

von GooseNeck - veröffentlicht in: Golf Golfplätze Golf in Irland Golf in England
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