Samstag, 15. november 2008
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18:42
Eine Viertelmeile außerhalb des schönen Weilers Burley, mitten im New Forest
(Grafschaft Hampshire), begegnet dem reisenden Golfer völlig überraschend ein 9-Loch-Golfplatz.
Schnell den Ausflug durch den New Forest unterbrochen, parken wir an einem netten Clubhaus, treten ein und fragen höflich nach den Spielbedingungen für Gäste. Der staff
begegnet dem Gast sehr freundlich, besonders, wenn die Mitgliedschaft in einem regulären Club nachgewiesen werden kann. Natürlich dürfe ich spielen, vielleicht in einem flight mit vier
Clubmitgliedern? Wie bitte? Ein Fünfer-Flight? Ich lehne höflich, aber bestimmt ab, arrangiere rasch für den nächsten Tag eine teetime (für satte 20 Pfund), kann meine Neugier nicht zügeln und
marschiere vom Parkplatz direkt zur ersten Bahn (mehr ist nicht zu sehen, denn die Hauptstraße trennt Loch 1 und 2).
Aha, sandiger Boden, jede Menge Heidekraut, wenig Baumbestand, enge Fairways, sehr windig. Im Geiste verbanne ich für den nächsten Tag den Driver in den Kofferraum und freue
mich wie ein Schneekönig. Heathland-Plätze wie dieser gehören zu meinen absoluten Favoriten.
Am
darauffolgenden Tag beginnt es pünktlich zur teetime zu nieseln. Aber das ist nicht weiter schlimm und gehört ja hierzulande schon fast zu einer zünftigen Golfrunde.
Doch dann sehe ich mich am 1. Abschlag hinter einem Rentner-Viererflight platziert, der bei mir sofort reflexartig schlimmste
Befürchtungen auslöst.
War das etwa der Vierer-Flight, von dem das Management gestern noch gesprochen
hatte? Vor meinem geistigen Auge dräut nun die schreckliche Vision fürchterlicher Hackerei, endloser Ballsuche und frierenden Wartens. Doch ich spiele nicht an einem Sonntag Mittag in meinem
Heimatclub. Denn als mich die alten Herren auf einen Begrüßungsschluck einladen, ich also näher trete und einen Blick auf ihre Bags werfen kann, beschleichen mich Zweifel, ob ich mit meiner
Horrorvision nicht weit über das Ziel hinausgeschossen bin. Das erste, was mir sogleich auffällt, ist: Keine Trolleys, sondern Tragebags und zwar aus der Vorkriegszeit. Mein Blick schweift weiter:
Oha, die Jungs spielen auch ihr Equipment aus einer Ära, als man Autos noch mit einer Handkurbel starten mußte. Nicht mehr als 7 Schläger. Darunter sogar noch alte Ginty-Hölzer. Na
denn.
Als darauf der erste aufteet, noch ein Witzchen reißt und mit einem Eisen 1 den Ball ohne viel
Aufhebens schnurgerade über die gefährlichen Ginsterbüsche auf das Fairway pfeffert, lösen sich all meine Befürchtungen in Luft auf: Bei den Jungs wird es enervierendes slow play nicht geben, da
bin ich mir sicher.
Nach einer schönen und windigen Runde
setze ich mich ins Clubhaus und notiere mir noch einmal die architektonische Cleverness der einzelnen Bahnen, während mir die alten Herren rotgesichtig zuprosten.
Der Burley GC ist ein 9-Loch Platz, der, wie viele andere Plätze dieser
Kategorie auch, durch unterschiedliche Abschlagspositionen zu einem quasi-18-Loch Platz mutiert. Tatsächlich kann diese ungewöhnliche Strategie durchaus aufgehen, denn die tee-boxes für die "back
nine" sind zum Teil wirklich auf getrennten Abschlägen positioniert; mit unterschiedlichen Winkeln zum Fairway und gewieft angelegter Bepflanzung versehen, ergibt sich sehr wohl eine andere Optik
auf ein schon bekanntes Loch. Nicht schlecht.
Alle Grüns waren in formidablem Zustand, spurtreu und top
gepflegt; angesichts der frühen Jahreszeit (März) nicht selbstverständlich.
Ok, es gibt einige Löcher, die mich sehr beeindruckt haben. Nach der Eröffnungsbahn, die nicht wirklich spektakulär ist, droht
dem Gast an Loch 2 die erste richtige Bewährungsprobe.
[Hole 2; "Short
Shrift"]
Ein 120 yards Par 3 mit viel Wasser, kleinem Grün
und drückendem Gegenwind. Was nimmt man da? Ich entschied mich für ein Eisen 8 und wurde prompt bestraft; der Ball rollte vom Grün wieder runter ins frontale rough. Mit dem bogey war ich gut
bedient.
Loch 3 heißt "Joey's Droke", ist ein Par 5 mit 495 yards Länge und will
mit Bedacht gespielt sein. Nach 250 yards bergan knickt das Fairway scharf nach links. Wenn der Spielball auf der Anhöhe platziert wurde, ist das Grün zu sehen, und der Drang, mit dem Holz
anzugreifen, macht sich durchaus rege. Doch die bis dahin sehr ausladende Drive-Landezone verengt sich nun dramatisch. Auf beiden Seiten drohen die für den New Forest so typischen Ginsterpflanzen
mit beeindruckenden Ausmaßen. Ich hatte mich für ein kontrolliertes Eisen 5 entschieden und erwartete nur noch ein überschaubares Wedge ins Grün, was mir, da ich downhill lag, prompt über das Grün
weggetoppt ist. Peinlich, peinlich. Der Viererflight vor mir quittierte das mit einigen berechtigten Witzchen und schaute mir dann demonstrativ beim Rückpitch zu, ohne mit ermunternden Kommentaren
zu sparen. Wider Erwarten konnte ich unter neugierigen Blicken gottlob noch das Par retten, woraufhin ich an Loch 4 allerdings prompt mit doublebogey abgestraft wurde.
Bemerkenswert erschienen mir noch die Löcher 5 und 7.
Der Blick von der 5. Bahn (425 yards Par 4) über den New Forest ist nun
wirklich atemberaubend, ebenso der von der Anhöhe auf das tiefgesetzte Arena-Grün.
[Hole 5; "Witches
Cauldron"]
Der Wind nimmt hier oben Orkanstärke an, und jeder Angriff mit dem Holz
wäre Wahnsinn. Wieder nehme ich das 5er Eisen und vertraue auf den roll, der vom sandigen Untergrund und vom Rückenwind deutlich unterstützt wird. Viel zu spät registriere ich, dass das Grün von
einem kleinen Bach geschützt wird, der von hier oben partout nicht zu sehen ist.
Doch ich habe Glück. Mit dem gelochten Par im Kopf breche ich mir dann an
der 6. Bahn das Genick. Der Orkan ist so stark und eisig, das mir der Schläger zweimal verreißt. Das Doppelbogey zerzaust mich arg, und ich habe Mühe, mich an der 7. Bahn zu
sammeln.
Nach diesem Fiasko gehe ich auf Nummer sicher, lege mit einem Eisen 4 auf den Hügel vor mir ab, stapfe hinauf und genieße
folgenden Blick:
[Blick auf das Grün an Hole 7; "Cottismore"]
Da ich keinen draw schlagen kann, wie er hier gefordert wäre, versuche ich mit einem Eisen 7 über den Baum zu schlagen. Das klappt zwar, aber der Ball
rollt hinter das Grün ans waldige Dickicht, ein Chip, zwei Putts, verdientes, aber unnötiges bogey.
Von den Bahnen 8 und 9 sind vor allem die Pferde und Rinder (sic!) erwähnenswert, die hier in aller Ruhe mitten auf dem
Fairway grasen. Jedes Clubmitglied weiß davon und hat seine eigene Art entwickelt, mit diesem doch sehr ungewöhnlichen Umstand zu verfahren. Die vier Jungs vor mir sondierten erst einmal die
Situation in der Drive-Landezone, um dann zu entscheiden, wohin sie den Ball steuern. Clever, aber, wie ich noch erfahren sollte, überaus notwendig. Erst später wurde mir grinsend mitgeteilt, dass
bei Ballagen in unmittelbarer Nähe zu den Tieren (d.h. zwei Schlägerlängen) eine uralte Platzregel den free drop gewährt. So habe ich zwei Bälle verloren, die natürlich mitten in einer Ochsenherde gelandet waren. Ich muß jedoch gestehen: Selbst wenn mir die Regel vor der Runde bekannt
gewesen wäre, hätte ich mich auf ein näheres Rendezvous mit den unruhigen Viechern ungern eingelassen...
Burley GC: ein schöner Platz, durchaus ansprechend und knifflig, tolle Blicke auf den schönen New Forest und ein
ungewöhnliches shaping: Im Grunde allesamt Argumente, die eine erneute Runde rechtfertigen würden. Als aber am nächsten Tag meine damals sichtbarlich hochschwangere Frau mit meiner kleinen Tochter
den Manager darum bat, angesichts der nasskalten Witterung im Clubhaus einen Tee zu nehmen, während ich über die 9 Loch ginge, wurde zum Entsetzen des Personals ihr Ansinnen mit einem charmanten
Lächeln abgelehnt...
(c) Fred Böhle-Holzapfel
(Bildquelle: http://www.burleygolfclub.co.uk)